„Komme später.“ Es ist die letzte SMS, die Chris von seiner Ex-Freundin empfängt. Doch in dieser Nacht wartet er vergeblich. Fran Lovey, eine junge Schwesternschülerin am Brighton General Hospital, kommt niemals zu Hause an. Detective Miriam Beckett wird auf den Fall angesetzt, der schnell eine unerwartete Wendung nimmt: Wenige Tage nach ihrem spurlosen Verschwinden meldet sich Fran plötzlich bei Chris: „Ich wollte euch nur Bescheid sagen, dass es mir gut geht. Bitte sag Mum und Dad und den anderen Bescheid.“ Dann legt sie auf. (© Bastei Entertainment)

 

Figuren

Der Anfang hat mir sehr gut gefallen, denn im Prolog erleben wir die Entführung von Fran mit und kriegen einen kleinen Einblick in die Gedanken des Täters. Wer der Täter ist, erfährt man zwar noch nicht, doch es werden schon erste Hinweise gegeben. Der Thriller beginnt also spannend und man wird schnell von der Geschichte gefesselt. Auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder Kapitel, in denen wir etwas über den Täter und Frans Situation erfahren. Frans Gedanken und Gefühle schaffen eine spannende Atmosphäre und lassen den Leser mitfiebern und gemeinsam mit ihr auf einen guten Ausgang der Geschichte hoffen.

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© Bastei Entertainment

Auf der anderen Seite haben wir schließlich Frans Familie und ihren Ex-Freund Chris, die sich große Sorgen machen sowie Detective Miriam Beckett, die schließlich die Ermittlungen in Frans Fall übernimmt. Als Frans Mutter nämlich das Verschwinden ihrer Tochter bei der Polizei melden will, werden ihre Sorgen zunächst als unbegründet abgetan. Doch Detective Beckett vertraut auf den Instinkt der Mutter und startet ohne Unterstützung die Ermittlungen. Im Weiteren spielt Frans Familie nur am Rande eine Rolle und keins der Familienmitglieder kann Miriam Beckett hilfreiche Informationen liefern. Stattdessen versucht Frans Ex-Freund so gut es geht zu helfen, da er auch als einziger noch Nachrichten von Fran erhält. Hin und wieder bekommt man Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt, was ihn zu einer interessanten Figur macht. Davon hätte ich gerne noch mehr gehabt, denn gerade die verschiedenen Perspektiven bringen Spannung in die Geschichte, lassen den Leser noch tiefer ins Geschehen eintauchen und mit den Figuren mitfühlen.

Die Protagonistin Miriam Beckett ist eine sympathische Figur, mit der ich mich leicht identifizieren konnte. Sie ist eine engagierte Polizistin, die ihre Arbeit gerne macht. Gleichzeitig ist sie aber auch frustriert, da sie in Frans Fall keine Unterstützung bekommt und keiner ihrer Kollegen das Verschwinden der jungen Frau ernst nimmt. So kompetent und organisiert Miriam Beckett in ihrem Job ist, so chaotisch sieht ihr Privatleben aus, welches unter der vielen Arbeit leidet. Damit ist Miriam alles andere als glücklich und diese Einblicke in ihr Leben geben der Figur Tiefe. Besonders interessant ist auch der Nachbar, mit dem sich Miriam langsam anfreundet und der schließlich sogar einen Hinweis zur Auflösung des Falls geben kann. Obwohl diese Figur nur eine kleine Rolle spielt und man gar nicht so viel über ihn erfährt, reicht es doch aus, um einen wirklich guten Charakter zu konstruieren.

 

Stil

Auch der Schreibstil kann überzeugen, denn das Buch ist angenehm zu lesen. Besonders die Unterschiede im Stil finde ich gut gelungen. Die Kapitel, in denen es um Fran und den Täter geht, sind mit verkürzten Sätzen viel abgehackter geschrieben als die Kapitel, in denen es um Miriam Beckett und die Ermittlungen geht. Die Unruhe und teilweise Panik sowohl von Fran als auch vom Täter kommt so auch durch den Schreibstil zur Geltung. Dagegen stehen die sorgfältigeren und detailreicheren Beschreibungen in den anderen Kapiteln.

Zum Schluss muss ich allerdings noch zu ein paar Punkten kommen, die mich gestört haben beziehungsweise mich nicht überzeugen konnten. Insgesamt ging mir alles zu schnell. Das Buch ist mit seinen 230 Seiten nicht gerade lang und dementsprechend schnell verläuft auch die Handlung. Vor allem zwei Dinge gingen mir viel zu schnell: Die Auflösung, wer der Täter ist und die gesamte Aufklärung des Falls am Ende. Wer der Täter ist, erfährt man ungefähr nach der Hälfte. Obwohl es zuvor schon halbwegs offensichtlich ist, hätte diese Auflösung erst später kommen sollen, wie ich finde. Das Ende kommt schließlich mit einem Schlag und hätte anders sicher besser und plausibler aufgelöst werden können. Zuletzt noch ein Wort zu Cover und Titel: Beides finde ich sehr ansprechend, doch für diesen Thriller unpassend. Das Cover geht noch, da es halbwegs neutral ist. Der Titel hat aber so gut wie nichts mit der Handlung zu tun und ist dementsprechend irreführend. Zumindest hatte ich mir bei diesem Titel etwas anderes vorgestellt.

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Meine Meinung

Wald der Toten ist ein netter, kleiner Thriller für zwischendurch, der vor allem mit seinen Figuren überzeugen kann. Obwohl die Geschichte sehr kurz ist, sind die Figuren gut gezeichnet und am liebsten hätte ich von allen noch mehr erfahren und sie ein wenig länger begleitet. Ich habe auch so das Gefühl, dass es weitere Geschichten von Detective Miriam Beckett geben könnte und bin gespannt, was dann vielleicht noch kommt. Insgesamt hätte ich mir auch mehr Details gewünscht und eine nicht ganz so schnelle Entwicklung und Auflösung des Falls. Allerdings kommt mir gerade der Gedanke, dass solche Fälle wohl oft schnelle Handlungen erfordern und es zu schnellen Entwicklungen kommt. So gesehen würde das Tempo natürlich zum Thema passen, aber ich denke, das ist auch einfach Geschmackssache.

 

Wald der Toten

Robert C. Marley
Genre: Thriller
Verlag: Bastei Entertainment (April 2016)
230 Seiten (eBook)

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