Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki war mein erster Roman von Haruki Murakami. Ich war sehr gespannt auf den japanischen Autor, dessen Name mir so oft begegnete und von dem ich noch kein einziges Buch kannte. Ich verrate schon mal so viel: Es war nicht mein letzter Roman von Murakami.

 

Klappentext

„Der junge Tsukuru Tazaki ist Teil einer Clique von fünf Freunden. Nach der gemeinsamen Schulzeit geht er zum Studium nach Tokyo. Als er an einem Sommertag voller Vorfreude auf die Ferien nach Nagoya zurückkehrt, schneiden ihn seine Freunde plötzlich und brechen den Kontakt zu ihm ab. Erst viele Jahre später offenbart sich der inzwischen 36-Jährige seiner neuen Freundin Sara und stellt sich den Dämonen seiner Vergangenheit…“ (© btb Verlag)

 

Der Mann ohne Farbe

Freundschaft, Einsamkeit, Liebe und Selbstzweifel – das sind die zentralen Themen in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Rückblickend wird die Geschichte von Tuskuru und seinen vier Freunden erzählt, die als Jugendliche eine harmonische Gemeinschaft bilden bis zu dem Tag, an dem sie Tsukuru aus ihrer Clique ausstoßen und den Kontakt zu ihm abbrechen. Der völlig niedergeschlagene und verletzte Tsukuru kann sich das nicht erklären und verliert dadurch jeglichen Halt im Leben. Es dauert Jahre bis er sich erholt und erst nach vielen Jahren schafft er es mit Hilfe seiner Freundin Sara, sich der Vergangenheit zu stellen.

Tuskuru Tazaki ist der einzige in der Clique, der keine Farbe in seinem Namen trägt. Schon durch dieses Merkmal – oder besser gesagt durch diese fehlende Eigenschaft – fühlt sich Tsukuru immer ein wenig als Außenseiter und weniger zugehörig zu den anderen. Tsukuru wurde also schon, während er noch ein Teil der Gemeinschaft war, von leichten Selbstzweifeln geplagt. Nachdem seine Freunde den Kontakt zu ihm abbrechen, werden sie stärker und beginnen sein Leben zu bestimmen. Tsukuru glaubt, dass ihm nicht nur die Farbe (im Namen) fehlt, sondern dass er auch insgesamt keine individuellen Eigenschaften besitzt, die ihn zu etwas Besonderem machen.

„Jemand, der immer leer gewesen ist, kann nur leer bleiben. Wem konnte er einen Vorwurf machen? Alle, die zu ihm kamen, stellten fest, dass er leer war, und sobald sie es wussten, verschwanden sie.“

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki_ Haruki Murakami

 

Ruhig und distanziert

Mit seinem Schreibstil schafft Murakami eine besondere Stimmung: Ruhig und melancholisch wird Tuskurus Geschichte erzählt, bleibt dabei aber immer auf Distanz. Diese Distanziertheit lässt es nicht zu, dass man sich wirklich in die Figuren hineinversetzen kann – zumindest ging es mir so. Auch Sympathie für einzelne Figuren kam bei mir nicht auf, obwohl sie mit psychologischer Tiefe gezeichnet sind. Der Leser betrachtet das ganze Geschehen einfach von außen. Ebenso fielen mir die Dialoge auf, denen das Lebendige fehlt. Ohne jegliche Emotionen wirkten sie auf mich künstlich. Möglicherweise liegt dies alles aber auch an der für mich fremden Kultur.

“Du kannst deine Geschichte weder auslöschen noch rückgängig machen. Denn damit würdest du zugleich dein inneres Wesen töten.”

Das hört sich jetzt erst mal negativ an, doch Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki hat auch seine guten Seiten. Die Sprache ist einfach besonders und sehr bildhaft. Daher hat mir das Lesen schon Spaß gemacht und die Entwicklung von Tsukuru war auch interessant. Außerdem hat das Buch einige skurrile Passagen, bei denen ungewiss bleibt, ob es wirklich Realität war oder doch nur ein Traum. Spannung kommt trotzdem keine auf, doch interessant ist es allemal.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki_Haruki Murakami

 

Musik als zentrales Motiv

Auch der Titel ist nicht zufällig gewählt, denn abgesehen von der Farbthematik wird noch ein weiteres zentrales Motiv genannt. Es geht um die Pilgerjahre – die Années de pèlerinage – von Franz Liszt. Musik spielt in Murakamis Romanen oft eine wichtige Rolle und in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist es die Klaviermusik von Franz Liszt. Insbesondere das Stück Le Mal du Pays (Heimweh) kommt immer wieder vor – und passt schließlich auch gut zu Tsukurus Geschichte.

„Das Leben war wie eine schwierige Partitur, fand Tsukuru. Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstanden hatte und anderen verständlich machen konnte.“

Haruki Murakami_Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

 

Mein Fazit

Mir fällt es nicht so leicht, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki zu bewerten. Einerseits hat es mir sehr gut gefallen, denn Sprache und Stil sind einfach schön und schaffen eine besondere Stimmung. Die Art, wie die Geschichte erzählt wird, hat etwas Beruhigendes. Eben deshalb kommt aber auch keine Spannung auf, was ich allerdings nicht negativ bewerte. Einzig die Distanziertheit hat mich hin und wieder ein wenig gestört und vor allem die Dialoge waren mir zu kühl und zu künstlich – zum Glück wurde im Roman nicht so viel geredet. Wer sich auf den ruhigen und melancholischen Stil des Buchs einlassen kann und möchte, wird wohl nicht enttäuscht. Für mich war es definitiv nicht der letzte Roman von Haruki Murakami und ich bin gespannt auf seine anderen Werke.

„Nicht alles verschwindet im Fluss der Zeit.“

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami
Genre: Gegenwartsliteratur
Verlag: btb (2015)
318 Seiten (Taschenbuch)

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