Swing Time habe ich vor einer Weile bei Vorablesen gewonnen und damit endlich meinen ersten Roman von Zadie Smith gelesen. So viel kann ich schon verraten: Es war bestimmt nicht mein letzter.

 

Inhalt

„Beim Tanzunterricht lernen sich zwei kleine Mädchen kennen und werden Freundinnen. Beide träumen davon, Tänzerinnen zu werden. Doch nur die eine hat Talent. Die andere hat Ideen: über Rhythmus und Zeit, über schwarze Haut und schwarze Musik, über Stammeszugehörigkeit, Milieu, Bildung und Chancengleichheit.

Als sich die beiden Mädchen zum ersten Mal begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen: Die gleiche Leidenschaft fürs Tanzen und für Musicals verbindet sie, doch auch derselbe Londoner Vorort und die Hautfarbe. Ihre Wege trennen sich, als Tracey tatsächlich Tänzerin wird und erste Rollen in Musicals bekommt. Ihre Freundin wiederum jettet als Assistentin der berühmten Sängerin Aimee um die Welt. Als Aimee in Westafrika eine Schule gründen will, reist sie ihr voraus und lässt sich durch das Land, in dem ihre Wurzeln liegen, verzaubern und aus dem Rhythmus bringen.“ (© Kiepenheuer & Witsch)

 

Freundschaft und Familie

In einem kurzen Prolog werden zunächst einige Fragen aufgeworfen, aber noch so gut wie gar keine Informationen geliefert. Sonderlich spannend oder interessant fand ich diesen Teil nicht, weshalb ich ihn während des Lesens auch so gut wie vergessen habe. Das spricht zwar nicht für den Prolog, dafür aber für die darauffolgende Erzählung, die mich von Beginn an fesseln konnte.

Die Geschichte wird aus Sicht der namenlosen Protagonistin erzählt und beginnt mit der Kindheit. Man erfährt, wie sie ihre Liebe zur Musik und zum Tanzen entdeckt und ihre beste Freundin Tracey dabei kennenlernt. Der Leser bekommt einen Einblick in die Familien der beiden Mädchen und das Umfeld, in dem sie aufwachsen. Während Traceys Mutter mehr oder weniger alleinerziehend ist, da der Vater sich nur selten blicken lässt, leben die Eltern der Protagonistin noch zusammen. Doch dass auch diese Beziehung nicht wirklich gut funktioniert, wird schnell deutlich.

Zu Beginn sind die Mütter der beiden Mädchen noch sehr präsent, da sie für die Entwicklungen ihrer Töchter jeweils eine wichtige Rolle spielen. Traceys Mutter ist arbeitslos und statt einer guten Ausbildung wünscht sie sich für ihre Tochter eine Karriere als Tänzerin. Die Mutter der Protagonistin hingegen legt großen Wert auf Bildung, holt selbst noch ihr Studium nach und ist zudem politisch engagiert. Einen ähnlichen Werdegang wünscht sie sich für ihre Tochter, damit diese später einmal bessere Chancen hat als ihre Eltern.

 

Aktuelle Themen

Dieser Einstieg hat mir gut gefallen und macht neugierig auf die Entwicklung der beiden Mädchen, da sie aus so unterschiedlichen Elternhäusern stammen und ihre Mütter sich als Vorbilder so stark voneinander unterscheiden. Die Geschichte wird dann auch nicht mehr chronologisch erzählt, sondern der Zeitstrang, in dem aus der Kindheit und Jugend der Protagonistin erzählt wird, wechselt sich mit einem weiteren Zeitstrang ab, in dem wir über ihr Leben als Erwachsene lesen. Dieser Aufbau erfordert ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, was der Geschichte meiner Meinung nach aber nicht schadet – im Gegenteil veranlasst dies sogar eher noch dazu, sich mit dem Geschriebenen wirklich auseinanderzusetzen.

Die große Themenvielfalt im Roman verlangt dies ebenso. Es werden sehr viele wichtige und interessante Themen angesprochen, die zum Nachdenken anregen. Von Rassismus über Klassismus bis hin zu Feminismus und Emanzipation werden viele Denkanstöße geliefert, wobei hier nicht in die Tiefe gegangen wird. Das werte ich allerdings nicht als Kritikpunkt, denn eine tiefgreifende Auseinandersetzung – geschweige denn eine Lösung – will der Roman gar nicht liefern und das muss er ja auch nicht. Die Anregungen, die der Roman liefert, haben mich aber dazu veranlasst, mir selbst Gedanken zu den Themen zu machen und ich finde, sowas spricht immer für ein Buch.

 

Detailreich und intelligent

Der Schreibstil der Autorin hat mich von der ersten Seite an in die Geschichte hineingezogen, denn er ist wunderschön detailreich und intelligent. Smith lässt die Mädchen und ihre Familien lebendig werden und vermittelt dem Leser auf eindrückliche Weise die unterschiedlichen Lebenswelten. Dies kommt vor allem dann zur Geltung, wenn sich die Protagonistin in Amerika und Afrika aufhält und dort vieles so ganz anders vorfindet, als sie es von ihrem Zuhause in London gewohnt ist. Es gibt hin und wieder etwas langatmige Abschnitte, über die ich aber aufgrund der schönen Sprache und den intelligenten und tiefgründigen Passagen, die bei Weitem überwiegen, hinwegsehen konnte.

Zadie Smith nutzt den Tanz in Verbindung mit Musik und Rhythmus als wiederkehrendes Element, das sich durch die Geschichte und somit auch durch das Leben der Protagonistin zieht. Die gesamte Erzählung folgt ebenfalls ihrem eigenen Rhythmus, was sich in der Erzählweise der Autorin widerspiegelt. Damit entwickelte das Buch eine Sogwirkung, was es mich nicht aus der Hand legen ließ.

Wie zu Beginn schon erwähnt, wird die Geschichte aus der Perspektive einer bis zum Ende namenlos bleibenden Protagonistin erzählt. Dadurch bleibt sie eine vage Figur, zu der sich kaum eine Bindung aufbauen lässt. Auch eine Entwicklung ist nicht wirklich ersichtlich. Viel wichtiger sind stattdessen die Eindrücke, die die Protagonistin schildert, sowie ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit den Menschen in ihrem Umfeld. Diese Menschen bestimmen ihr Leben und sie übernimmt immer wieder deren Ansichten und Meinungen, um dazuzugehören.

 

Fazit

Swing Time ist ein Roman über Freundschaft, Familie, Tanz und Musik, der viele wichtige und aktuelle Themen und Probleme anspricht. Dafür sollte man sich Zeit nehmen, da das Buch zum Nachdenken und zur eigenen Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus, Klassismus, Feminismus oder Chancengleichheit anregt. Zusammen mit der interessanten Erzählweise und der wunderschönen Sprache macht dies Swing Time zu einem wirklich guten Roman, über dessen kleine Längen man hinwegsehen kann. Die Ich-Erzählerin bleibt zwar eine vage Figur, schildert jedoch ihre Eindrücke und Erlebnisse so detailreich, dass dies kaum auffällt und man sich erst am Ende fragt, was für eine Person die Protagonistin eigentlich ist oder war. Zadie Smith konnte mich mit ihrem neuesten Roman begeistern und so kann ich ihn jedem empfehlen, der sich für die in der Rezension genannten Themen interessiert.

 

Vielen Dank an Vorablesen und Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar!

Titel: Swing Time*

Autorin: Zadie Smith
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Belletristik

Seiten: 640 Seiten
Format: eBook
Übersetzung: Tanja Handels
Originaltitel: Swing Time

ISBN: 978-3-462-31600-1
Preis: [D] 19,99 €

* Link zur Verlagsseite

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