Ich und die Menschen von Matt Haig war eines meiner Jahreshighlights und ist, wie ich finde, etwas ganz Besonderes. Warum, erzähle ich euch jetzt.

 

Der Inhalt

„Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew hält nicht viel von den Menschen, jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein?“ (© dtv)

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des außerirdischen Wesens, das voller – hauptsächlich berechtigter – Vorurteile auf die Erde kommt, um einen Auftrag auszuführen. Dafür hat es die Gestalt von Mathematikprofessor Andrew Martin angenommen und versucht nun, den Auftrag möglichst unauffällig zu erledigen. Dabei steht es zunächst vor einigen ungeahnten Schwierigkeiten. Zwar wissen die Außerirdischen auf seinem Planeten Vieles über die Menschen, allerdings sind ihnen die einfachsten und alltäglichsten Dinge nicht bewusst – wahrscheinlich, weil diese einfach zu unwichtig sind, um ihnen Beachtung zu schenken.

„Die Erde war, wie mir später klar wurde, ein Planet der verpackten Dinge. Nahrung in Folie. Körper in Kleidung. Verachtung in Lächeln.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 27)

Das bringt den neuen Andrew Martin dann auch sofort in eine unglückliche Lage und er erkennt, dass es gar nicht so leicht ist, sich wie ein normaler Mensch und somit unauffällig zu verhalten. Bevor er also auch nur daran denken kann, seinen Auftrag auszuführen, muss er zunächst ein wenig über die Menschen und das menschliche Verhalten lernen.

„Wieder spürte ich, dass es irgendein Kontextproblem gab. Bei den Menschen ging es immer um den Kontext. Es gab nichts, das bei jeder Gelegenheit richtig gewesen wäre.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 179)

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Wie ein Außerirdischer die Menschen kennenlernt

Das Buch ist als eine Art Erfahrungsbericht des Außerirdischen geschrieben, in dem er versucht, das Leben der Menschen mit allem, was dazugehört, zu beschreiben und zu erklären. Das sind einerseits die ganz alltäglichen Dinge wie Kleidung, Sprache, Musik oder Essen, andererseits aber auch die großen Themen wie Liebe, Familie, Freundschaft und auch Tod, die das menschliche Leben ausmachen und bestimmen.

„Das Schlimmste aber waren die Morgen. Der Morgen auf der Erde war hart. Man wachte müder auf, als man zu Bett gegangen war. Der Rücken tat weh. Der Nacken tat weh. Die eigene Sterblichkeit schnürte einem die Brust zusammen. Und zu allem Überfluss hatte man so viel zu erledigen, bevor der Tag überhaupt richtig begann. All die Dinge, die man tun musste, um präsentabel zu sein.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 237)

Dabei erkennt er nach und nach die Komplexität der Menschen und ihren Facettenreichtum – Dinge, die er zuvor nicht erwartet hatte, da die Menschen auf seinem Heimatplaneten als eher primitive Spezies gelten. Er lernt auch die schönen Seiten des menschlichen Lebens kennen und genießen. Fand er Musik, Gedichte oder gutes Essen in den ersten Tagen auf der Erde noch sinn- und nutzlos, so begreift er allmählich, wie wunderbar all das sein kann – auch ohne dass es einen wichtigen Zweck erfüllt.

„Die Sprache der Worte war nicht die einzige Sprache der Menschen. Es gab noch viele andere, ständig entdeckte ich neue. Die Sprache der Seufzer, die Sprache des beredten Schweigens, und, besonders nachdrücklich, die Sprache des Stirnrunzelns.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 141)

Mehr als gute Unterhaltung

Abgesehen davon, dass die Geschichte lustig, interessant, spannend und romantisch ist, beinhaltet sie auch viele Wahrheiten über die Menschen und das Leben hier auf der Erde und wird dabei teilweise sehr philosophisch. Ich und die Menschen ist damit mehr als einfach nur gute Unterhaltung. Es regt zum Nachdenken an und zeigt sowohl die schönen als auch die nicht so schönen Seiten des Menschseins.

„Er erinnerte mich daran, dass die Erde ein Ort des Todes war. Hier zerfielen Dinge, lösten sich auf, starben. Das Leben eines Menschen war auf allen Seiten von Dunkelheit umgeben. Wie um alles in der Welt ertrugen sie das?“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 35)

„Lachen oder Wahnsinn, das schien hier der einzige Ausweg zu sein, der Notausgang der Menschen.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 61)

Ich und die Menschen hat mich von vorne bis hinten absolut überzeugt und mit seiner berührenden Geschichte einige Male sehr nachdenklich gestimmt. Es hat mir so unglaublich gut gefallen, dass ich es auf jeden Fall noch – mindestens – einmal lesen werde. Solltet ihr das Buch noch nicht kennen: Lest es. Es lohnt sich.

 

Anmerkung zum Bild: Wären mir meine Klebezettel nicht während des Lesens ausgegangen, hätte ich noch sehr viel mehr Stellen im Buch markiert.

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„Mit einem dumpfen Schmerz im Kopf eine Entschuldigung zu murmeln – ich hatte auf einmal das Gefühl, so menschlich zu sein, wie es überhaupt möglich war. Fast hätte ich ein Gedicht schreiben können.“ (Matt Haig, Ich und die Menschen, S. 158)

Weitere Rezensionen:

Janine von Wortbildwerke

Julia von Julias Wunderland

Tasmin von Tasmetu

Jacquy von Jacquy’s Thoughts

 

Ich und die Menschen

Matt Haig
Genre: Belletristik
Verlag: dtv (August 2015)
352 Seiten (Taschenbuch)

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