Wer meinen Blog hin und wieder liest, weiß, dass ich so ziemlich alles lese außer Liebesromane. Wenn nun aber Stephen King über Liebe schreibt, muss ich es wohl lesen. Zu Unrecht stand Love sehr lange ungelesen im Regal – möglicherweise weil ich keine Lust auf eine Liebesgeschichte hatte. Der Titel hatte anscheinend eine etwas abschreckende Wirkung auf mich, obwohl es immerhin ein King-Roman ist. Der englische Titel Lisey’s Story gefällt mir persönlich besser, wobei in diesem Fall auch der deutsche passend gewählt wurde. Mit den deutschen Titeln von Stephen King Büchern habe ich so meine Probleme, aber das ist ein anderes Thema…

 

Der Inhalt

„Liseys berühmter Mann ist tot – und sein Nachlass weckt albtraumhafte Erinnerungen und Ahnungen in ihr, die bald grausame Gewissheit werden.“ (© Heyne)

Viel mehr lässt sich dem Klappentext nicht entnehmen und ich möchte auch nicht sonderlich viel mehr verraten. Es geht um Lisey Landon, die Witwe des berühmten Schriftstellers Scott Landon, und um große Themen wie die Liebe, die Ehe und Familie. Es wäre jedoch kein King, wenn es sich tatsächlich nur um eine Liebesgeschichte oder ein Familiendrama handeln würde – der Horror- oder eher noch Mystery-Faktor fehlt natürlich nicht. Ich selbst habe das Buch inhaltlich absolut unvoreingenommen begonnen und das war gut so, denn die Geschichte wirkt einfach am besten, wenn man möglichst wenig weiß – Lisey geht es nämlich genauso.

Zum Inhalt sollte vielleicht noch gesagt werden, dass das Buch zwar Horror-Elemente beinhaltet, jedoch keine brutalen, grausamen oder ekligen Szenen. Stattdessen wird eine bedrohliche Atmosphäre geschaffen, die eher durch Nicht-Wissen, Ahnungen und Andeutungen erzeugt wird. Das möchte ich vor allem für diejenigen betonen, die noch keinen King-Roman gelesen haben. Denn indem King immer als Meister des Horrors (was er für mich auch ist) bezeichnet wird, hält sich bei vielen anscheinend die Vorstellung, dass er besonders grausame und brutale Geschichten schreibt. Für die ein oder andere mag das vielleicht sogar gelten. Das kann ich nicht beurteilen, denn ich habe es bis jetzt noch nicht geschafft, mich durch sein gesamtes Werk zu lesen. Allerdings funktionieren die meisten wohl eher so, wie ich es hier für Love beschreibe.

stephen-king_love

 

Das Schreiben und die Ehe

Obwohl King sagt, dass seine Frau nicht das Vorbild für Lisey war und er selbst auch mit der Romanfigur Scott Landon nicht viel gemein hat, so fließen doch viele seiner eigenen Erfahrungen in die Geschichte mit ein – vor allem was das Schreiben angeht. Beispiele dafür finden sich viele, was King in Interviews auch immer wieder bestätigte. Das Schreiben spielte schon in anderen seiner Romane eine Rolle, neu hingegen ist die Beschäftigung mit der Ehe, denn diese war noch nie Thema in einem King-Roman. Man könnte denken, das sei langweilig, doch das ist es überhaupt nicht.

Zwar ist Love – wie oben schon erwähnt – keineswegs eine Liebesgeschichte, doch ist die Ehe von Lisey und Scott Landon das zentrale Thema und das hat mir erstaunlich gut gefallen. Während Lisey sich um den Nachlass ihres Mannes kümmert, erinnert sie sich an Vieles, was sie gemeinsam erlebt haben. Dabei geht es nicht nur um seltsame Ereignisse und verdrängte Erinnerungen, die nun nach und nach wieder hochkommen, sondern auch um den Alltag in ihrer Ehe. Zusammen wird dies zu einer spannenden und intensiven Geschichte verwoben, die gleichzeitig Horror-Feeling und tiefe Emotionen hervorruft.

 

Der Stil – typisch King

Was mich an Kings Romanen immer wieder fasziniert, ist sein besonderer Schreibstil. Nicht nur, dass er damit unheimlich(e) Atmosphäre schafft, sondern er hat eine gewisse Sogkraft, die den Leser fesselt und damit tief in die Geschichte hineinzieht. Sein Stil hat außerdem, wie ich finde, hohen Wiedererkennungswert und ist einfach cool.

Wortneuschöpfungen, Redewendungen, Einschübe, die zunächst nicht eingeordnet werden können und Wiederholungen von bestimmten Motiven gehören zu den Stilmittel, die King in vielen seiner Romane verwendet. In Love sind sie besonders dicht vertreten, denn schließlich geht es um die Witwe eines Schriftstellers und zu großen Teilen auch um dessen Arbeit. Worte und Sprache sind allein schon deshalb wichtig, aber auch für die Ehe der beiden haben gewisse Worte und Redewendungen eine besondere Bedeutung.

Auch typisch King sind die Erzählungen in einer Erzählung und damit verschiedene Handlungsstränge auf teilweise bis zu vier verschiedenen Zeitebenen. Die eigentliche Geschichte spielt in der Gegenwart, in der Lisey sich um den Nachlass ihres Mannes kümmert und sich dabei einigen Problemen gegenüber sieht. Dann erinnert sie sich immer wieder an gemeinsame Erlebnisse mit ihrem Mann, so dass Geschichten aus der Vergangenheit erzählt werden und der Leser dabei auch Scott Landon richtig kennenlernt. In diesen Erinnerungen werden wiederum oft Ereignisse erzählt, die noch weiter in der Vergangenheit zurückliegen. Hört sich wahrscheinlich verwirrend an, ist es aber eigentlich nicht – abgesehen davon sollte man sowieso kein King-Buch unaufmerksam lesen.

Was mir an diesen vielen Ebenen außerdem gefallen hat: Keine einzige war langweilig, sondern in allen Geschichten wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht und natürlich, wie sich nach und nach alles zusammenfügt.

 

Die Figuren

Die Figuren gefallen mir in Kings Romanen eigentlich immer ziemlich gut. Sie sind vielschichtig und facettenreich und handeln meist logisch und nachvollziehbar. So ziemlich jede Figur – ob wichtig oder unwichtig – hat ihre eigenen Besonderheiten und das Zusammenspiel der einzelnen Figuren ist ebenso komplex.

Genauso ist es auch in Love. Lisey ist eine sympathische Protagonistin, die ihre starken und schwachen Momente hat und einfach authentisch wirkt. Der Fokus liegt zwar auf ihr, doch auch die anderen Figuren sind gut ausgearbeitet, insbesondere ihre Schwester Amanda, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

 

Fazit

Mit Love hat Stephen King einen weiteren Roman geschaffen, der fesselt und mit seiner unheimlichen Atmosphäre überzeugt. Durch die vielen Stilmittel ist die Geschichte besonders dicht erzählt und voll mit Symbolen und Motiven, die im Verlauf immer wieder auftauchen und natürlich besondere Bedeutungen haben. Die Ehe wird als eine besondere Verbindung dargestellt, die sich über viele Jahre zwischen zwei Menschen entwickelt und ihre ganz eigenen Rituale (zu denen auch die Sprache gehört) entfaltet, die niemand sonst kennt oder verstehen würde. Diesen Aspekt fand ich besonders interessant und wirklich schön erzählt, ohne dass es kitschig wirkte.

Wer Kings Romane und seine Sprache mag, sollte sich Love auf keinen Fall entgehen lassen. Sein Stil ist in diesem Buch einfach besonders toll. Eventuell ist es durch die vielen Wortneuschöpfungen sogar noch besser, diesen Roman auf Englisch zu lesen. Mir hat die deutsche Übersetzung zwar gefallen, aber ich kann leider nicht beurteilen, ob dabei etwas verloren gegangen ist, da ich die englische Fassung nicht gelesen habe. Weiß das vielleicht jemand von euch? Ich überlege nämlich, ob ich mir den Roman zusätzlich noch in Englisch kaufe, denn ein zweites Mal lesen muss auf jeden Fall sein.

 

* Eigentlich sollte es hier jetzt Links zu weiteren Rezensionen auf anderen Blogs geben, nur habe ich leider keine gefunden. Sollte ich doch noch auf eine stoßen, wird der Link nachträglich hinzugefügt.

Love

Stephen King
Genre: Horror
Verlag: Heyne (April 2008)
730 Seiten (Taschenbuch)

Das könnte dich auch interessieren:

Teilen:Share on Facebook1Share on Google+0Tweet about this on Twitter0
||||| 0 Like It! |||||